Kulturforum
In Deutschland beschränkt sich die Wahrnehmung des Balkans auf Klischees wie „undurchschaubare Kriege” (nach dem Motto „Jeder gegen jeden.” – Bismarcks Zitat, „Der Balkan ist nicht die Knochen eines einzigen deutschen Grenadiers wert.“, entspricht dem), die regionale Küche (von Cevapcici bis zu serbischer Bohnensuppe) und Karl Mays „In den Schluchten des Balkans”.
Das daraus entstehende rustikal folkloristische bzw. negative Bild entspricht nicht der Wirklichkeit.
Das Kulturforum soll deshalb dazu dienen, die kulturelle Vielfalt des Balkans und die damit zusammenhängenden Probleme und Chancen darzustellen.
Die Veranstaltung
Das Kulturforum im Rahmen von LOOK SOUTHEAST am 21. Januar zeigte einmal mehr den kulturellen Reichtum der Region, aber auch seine Schädigung während der Konflikte der vergangenen Jahre und seine aktuelle Bedrohung.
Nach Meinung des bekannten bosnischen Schriftstellers und Intellektuellen Ivan Lovrenovic, gibt es in Bosnien-Herzegowina nur noch wenige urbane „Inseln“ funktionierenden multikulturellen Lebens. Er vertrat aber auch die Ansicht, dass die vor den Konflikten propagierte „Einheit und Brüderlichkeit“ größtenteils von oben verordnet aber nicht wirklich gelebt wurde. Die Möglichkeiten im Land selber, ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen Ethnien und kulturelle Vielfalt gewährleisten und weiter entwickeln zu können, sieht Lovrenovic mit sehr viel Skepsis. Die notwendigen Schritte müssten viel mehr von der Internationalen Gemeinschaft von außen erwirkt werden, z.B. durch die Verordnung einer neuen Verfassung.
Dem widersprach Gisela Kallenbach, MdEP (Fraktion der Grünen / Freie Europäische Allianz), Mitglied des Ausschusses für Regionale Entwicklung und der Delegation für die Beziehungen zu den Ländern Südosteuropas sowie ehemalige Internationale Bürgermeisterin bei der UN-Mission im Kosovo.
Auf Grund Ihrer langjährigen Erfahrung vor Ort sieht sie keine Möglichkeit, Fortschritte von außen erzwingen zu können. Die Menschen in den Republiken des ehemaligen Jugoslawien müssten vielmehr selbst die Notwendigkeit bestimmter Entwicklungen begreifen. Nur mit, nicht aber gegen die Betroffenen könnten Veränderungen erfolgen. In diesem Zusammenhang verwies Gisela Kallenbach auf positive Veränderungen in der öffentlichen Meinung Serbiens hinsichtlich des Kriegsverbrechens von Srebrenica. Sie schränkte jedoch ein, dass diese Veränderungen nur sehr langsam erfolgen würden und mit großem Widerstand zu kämpfen hätten. Eine kontinuierliche Begleitung und Unterstützung der Länder sei deshalb erforderlich. Erfreut zeigte sich Frau Kallenbach, dass die Probleme in der Europäischen Gemeinschaft (z.B. Verfassungs- und Haushaltsdebatte) nicht zu der befürchteten Abkehr Brüssels von der europäischen Integration der Länder Südosteuropas geführt hätten. Hier würde man auch zukünftig mit unvermindertem Engagement tätig sein. Neue Dynamik für diesen Prozess erwartet Frau Kallenbach von der österreichischen Ratspräsidentschaft.
Ganz im Kontrast zu dieser Diskussion stand die Präsentation der montenegrinischen NRO für Architektur und Raumplanung EXPEDITIO, die damit für ihr bemerkenswert schönes Land warben. Diese von Architekturstudenten gegründete NRO ist ein gutes Beispiel dafür, wie das reiche Kulturerbe der Region geschützt und entwickelt werden kann.
Nach jahrelanger Arbeit unter großen Schwierigkeiten hat sich EXPEDITIO inzwischen zu einer Organisation mit bewundernswerter Professionalität und einem großen Themenspektrum entwickelt, gleichzeitig aber Freiwilligenengagement als Kern ihrer Tätigkeit bewahrt. Dieses reicht von der Bewahrung des kulturellen Erbes (z.B. historische Gebäude), über Naturschutz und erneuerbare Energien bis hin zur Entwicklung neuer an Natur und Kultur angepasster Bauformen. – Die beiliegend verfügbare Präsentation von EXPEDITIO vermittelt einen guten Eindruck.

